HorseShape: 3D-Scan für den Pferderücken per Smartphone
Wie HorseShape mit Face-ID-Technologie und maschinellem Lernen Pferderücken vermisst und warum 80 Prozent aller Sättel nicht optimal passen.
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Das nimmst du mit
- Die HorseShape App nutzt den Face-ID-Sensor des iPhones, um den Pferderücken dreidimensional zu scannen – kostenlos und in wenigen Sekunden.
- Studien zeigen, dass rund 80 Prozent der Sättel die Performance des Pferdes einschränken, obwohl 95 Prozent der Besitzer glauben, ihr Sattel passe.
- Maschinelles Lernen hilft dabei, Muster in der Vielzahl unterschiedlicher Pferderückenformen zu erkennen und passende Sattelempfehlungen abzuleiten.
- Das physische Fittingset wird maßgeschneidert auf Basis des 3D-Scans gefertigt und dient als greifbare Referenz für Veränderungen am Pferderücken.
- Regelmäßiges Scannen dokumentiert die Rückenentwicklung über Zeit und macht Veränderungen sichtbar, bevor der Sattel Probleme verursacht.
Das Sattelproblem: Größer als die meisten denken
Sattelpassform ist ein Thema, das so gut wie jeden Pferdemenschen betrifft, und zwar deutlich stärker, als viele glauben. Studien zeichnen ein ernüchterndes Bild: In einer Untersuchung von Sue Dyson schränken rund 80 Prozent der Sättel die Performance des Pferdes ein. Eine Schweizer Studie von Michael Weishaupt ergab, dass 95 Prozent der befragten Pferdebesitzer überzeugt waren, ihr Sattel passe, doch bei der anschließenden Untersuchung zeigten 30 Prozent der Pferde beim Abtasten sichtbare Schmerzsignale.
Das Problem liegt auf der Hand: Der Pferderücken verändert sich ständig. Weidegang, Trainingsintensität, Muskelauf- oder -abbau, saisonale Schwankungen. Ein Sattel, der im Frühjahr perfekt saß, kann im Herbst bereits drücken. Und diese Veränderungen sind mit bloßem Auge oft schwer zu erkennen.
Vom Dental-Scanner zum Smartphone: Die HorseShape-Geschichte
Die Idee, Pferderücken dreidimensional zu vermessen, entstand bereits Ende der 90er-Jahre. Andreas, Mitgründer von HorseShape, sah damals bei der Einweihung eines Campus in der Nähe von Koblenz einen Dental-3D-Scanner und dachte: Das müsste man doch auch für den Pferderücken verwenden können. Mit einer Sattlerei in der Familie und einer Leidenschaft für Feinwerkmechanik und Programmierung war die Verbindung naheliegend.
2002 nahm die Idee unter dem Namen EquiScan erste Gestalt an, 2011 folgte HorseShape mit einem ersten mobilen 3D-Scanner speziell für Fachleute. Rund 100 Betriebe wurden mit den ersten beiden Scanner-Generationen ausgestattet. Doch der eigentliche Durchbruch kam mit einer Erkenntnis: Die Lösung muss aufs Smartphone, denn das hat jeder dabei.
Den entscheidenden Anstoß gab Corona 2020. Plötzlich konnte niemand mehr in den Stall, und das Telefon bei HorseShape klingelte ununterbrochen. Seitdem wird die HorseShape Smart 3D Scan App entwickelt, die heute kostenlos im App Store verfügbar ist.
Wie der Scan funktioniert
Die Technologie hinter dem Scan basiert auf dem Face-ID-Sensor, den Apple in seinen iPhones verbaut. Die Firma, die den ursprünglichen Sensor entwickelt hat, wurde irgendwann von Apple aufgekauft und die Technologie in die 3D-Gesichtserkennung integriert. Das klingt erstmal weit weg vom Pferderücken, ist aber technisch gesehen derselbe Vorgang: Ein Sensor tastet eine dreidimensionale Oberfläche ab und erstellt daraus ein präzises 3D-Modell.
Wenn man einmal mit dem Auge zwinkert, schafft es der Sensor tatsächlich sechs Mal, dein Pferd einzuscannen. Das sind 60 Mal pro Sekunde.
Der Ablauf ist erstaunlich einfach:
- App herunterladen und Pferd anlegen -- Registrierung, Pferdeprofil erstellen, fertig.
- Pferd vorbereiten -- Ebener Boden, Pferd sauber und trocken, kein Sattelabdruck oder Schweiß auf dem Rücken.
- Scannen -- iPhone in etwa 35 bis 40 Zentimeter Abstand über die Sattellage führen. Der Scan dauert nur drei Sekunden.
- Sofort-Feedback -- Die App zeigt direkt an, ob das Pferd vollständig erfasst wurde und ob grobe Fehler vorliegen.
Die Geschwindigkeit des Sensors ist dabei ein großer Vorteil. In den drei Sekunden Scanzeit fallen so viele Datenpunkte an, dass HorseShape im Nachgang erkennen kann, ob sich das Pferd während des Scans bewegt hat, etwa weil eine Fliege zu vertreiben war. Die meisten überflüssigen Daten werden verworfen, aber die Redundanz sorgt für Zuverlässigkeit.
Warum nur iPhone?
Ein wichtiger Hinweis: Die volle Scan-Funktionalität steht nur auf iPhones mit Face-ID zur Verfügung. In der Android-Welt gibt es keine vergleichbare Sensorik, da Apple die entsprechenden Patente hält. Für Android-Nutzer gibt es eine alternative Foto-basierte Methode, die ebenfalls zuverlässige Ergebnisse liefert. Die App selbst ist sowohl für iOS als auch für Android kostenlos verfügbar.
Qualitätssicherung: Wo Menschen noch unverzichtbar sind
Nach dem Scan wird es interessant, denn hier trennt sich HorseShape von vielen rein automatisierten Lösungen. Neben dem Sofort-Feedback in der App prüft ein menschliches Team jeden einzelnen Scan. Echte Menschen schauen sich die Daten an, bewerten die Qualität, weisen auf Probleme hin.
Warum nicht einfach alles der KI überlassen? Weil die Zuverlässigkeit bei bestimmten Entscheidungen nicht verhandelbar ist. Ob tatsächlich ein Pferderücken gescannt wurde, ob die Daten als Grundlage für eine Sattelanpassung taugen, dafür haftet HorseShape juristisch. Und da darf keine KI daneben liegen.
Dass dabei auch Hunde, Katzen und andere kreative Scan-Versuche aussortiert werden müssen, gehört zum Alltag. Die App ist seit drei Jahren im App Store gelistet und entsprechend breit ist das Spektrum dessen, was hochgeladen wird.
Wo KI und maschinelles Lernen ins Spiel kommen
Auch wenn die Qualitätssicherung bewusst menschlich bleibt, spielt KI im Hintergrund eine wichtige Rolle. Dabei geht es weniger um die großen Sprachmodelle wie ChatGPT, sondern um maschinelles Lernen und Deep Learning:
Bewegungserkennung
Hat sich das Pferd während des Scans bewegt? Diese Frage lässt sich sowohl in den 3D- als auch in den 2D-Daten per Deep Learning beantworten. Hier ist es nicht kritisch, wenn die KI mal daneben liegt, aber sie macht den Mitarbeitern das Leben deutlich leichter, indem sie verdächtige Scans vorab markiert.
Mustererkennung bei Rückenformen
Die eigentliche Zukunftsvision: Aus der wachsenden Datenbank an Pferderücken-Scans Muster erkennen. Welche Pferde sind ähnlich gebaut? Welche Sattelmodelle funktionieren auf welchen Rückentypen? Das ist nicht nur rassenspezifisch, sondern individuell. Und genau hier sind KI-Modelle prädestiniert, denn es handelt sich um unstrukturierte Daten, in denen menschliche Analysten Muster nur schwer erkennen können.
Das Ziel ist nicht, den Sattler zu ersetzen, sondern den Zugang zu passenden Sätteln zu vereinfachen. Wenn das System weiß, dass ein bestimmter Pferderückentyp gut zu einem bestimmten Sattelmodell passt, kann das die Suche nach dem richtigen Gebrauchtsattel enorm beschleunigen.
Das Fittingset: Digitale Daten zum Anfassen
Neben dem digitalen Scan bietet HorseShape ein physisches Produkt an: das Fittingset. Das ist ein maßgeschneidertes 3D-Modell des Pferderückens, eine Art Skelettstruktur, die wie eine zweite Haut auf dem Pferd sitzt. Es wird auf Basis des individuellen Scans gefertigt und dient als greifbare Referenz.
Der Clou: Wenn das Fittingset beim ersten Auflegen perfekt saß und der Sattel zu diesem Zeitpunkt gepasst hat, kannst du jederzeit kontrollieren, ob sich etwas verändert hat. Kippelt es? Sitzt es nicht mehr bündig? Hat das Pferd aufgemuskelt oder abgebaut? Das siehst du sofort, ohne Fachmann, ohne Messinstrumente.
Das Fittingset ist auch ein starkes Kommunikationswerkzeug zwischen Pferdebesitzer und Sattler. Der Sattler kann daran erklären, warum ein bestimmter Sattel besser oder schlechter passt. Und der Pferdebesitzer bekommt ein greifbares Verständnis dafür, wie sich der Rücken seines Pferdes entwickelt.
Augmented Reality als Bonus
Eine schöne Zusatzfunktion auf dem iPhone: Augmented Reality. Du kannst den gescannten Pferderücken als 3D-Modell in deine reale Umgebung projizieren, etwa in die Stallgasse. In Originalgröße, mit korrekter Balance. So kannst du den digitalen Rücken direkt neben dein Pferd stellen und visuell vergleichen, ob sich etwas verändert hat. Physiotherapeuten und Osteopathen nutzen das bereits intensiv.
Das Geschäftsmodell: Kostenlos scannen, bezahlen für Auswertungen
Die App selbst und das Scannen sind komplett kostenlos. Das ist eine bewusste Entscheidung: HorseShape möchte zunächst in den täglichen Arbeitsablauf von möglichst vielen Fachleuten und Pferdebesitzern integriert werden. Das Scannen sollte zu jedem Pferdekontakt dazugehören, so die Vision.
Geld verdient wird mit den weiterführenden Dienstleistungen: Fittingsets, detaillierte Auswertungen, Verlaufsvergleiche über Zeit und, in naher Zukunft, ein Abo-Modell für die regelmäßige Überwachung des Pferderückens. Die Idee: Für einen kleinen monatlichen Betrag kannst du regelmäßig Scans machen und sie viermal im Jahr an deinen Sattler weitergeben, der die Veränderungen dann mit den HorseShape-Werkzeugen bewertet.
Für wen ist das relevant?
Pferdebesitzer: Beobachte dein Pferd beim Satteln. Guckt es weg? Zeigt es Reaktionen beim Abtasten des Rückens? Sind Haare in der Sattellage abgerieben? Das sind erste Warnsignale. Die App gibt dir dann ein Werkzeug an die Hand, um Veränderungen objektiv zu dokumentieren.
Sattler und Fachleute: HorseShape bietet die Möglichkeit, Kundenpferde in der App zu verwalten und Verlaufsvergleiche zu erstellen. Die Dokumentation wird digital, nachvollziehbar und teilbar.
Sattelhersteller: Die wachsende Datenbank an Pferderückenformen liefert eine Wissensgrundlage, die über jahrhundertealte Erfahrungswerte hinausgeht. Welches Produkt passt auf welchen Pferdetyp? Die Daten geben Antworten, die rein aus Erfahrung kaum zu gewinnen wären.
KI im Arbeitsalltag bei HorseShape
Abseits der App-Entwicklung nutzt das HorseShape-Team KI auch im Büroalltag. Alice setzt KI als Sparringspartner ein, um Pro-Kontra-Argumente zu durchdenken, Informationen zu ordnen und verschiedene Perspektiven zu bekommen. Andreas nutzt KI vor allem, um Arbeitsanweisungen zu präzisieren und Expertenwissen im Unternehmen zugänglich zu machen. Neue Mitarbeiter können sich per KI-gestützter Zusammenfassung in den Quellcode einarbeiten, was die Einarbeitung massiv beschleunigt.
Es ist fast so gut wie derjenige, der das initial programmiert hat. Was man dann an Zusammenfassung und an Ratschlägen an die Hand bekommt, das ist schon etwas, was vieles vereinfacht.
Am Ende ist die Botschaft klar: KI muss nicht immer das große Ganze revolutionieren. Manchmal reicht es, eine sehr konkrete Aufgabe besser, schneller und zugänglicher zu machen. Bei HorseShape heißt das: den Pferderücken sichtbar machen, bevor es dem Pferd wehtut.